„Bands im Social Web“: Thema „Crowdfunding“ mit Malte Graubner von SellaBand

 

Crowdfunding – Das letzte Hemd für die Lieblingsband
Ein Interview mit Malte Graubner – Artist & Productmanager bei SellaBand

„Public Enemy“ sammelten über 59.000 EUR – Amanda Palmer sogar 1,2 Mio. US-Dollar. Beide finanzierten ihr Album über Crowdfunding-Plattformen. Noch bevor das Studio überhaupt gebucht, der erste Ton eingespielt oder am Cover gearbeitet wurde, hatte der Fan in beiden Fällen das Album schon vorbestellt und dieses so überhaupt erst möglich gemacht. Beim Crowdfunding investiert der Fan in das Vorhaben. Crowdfunding-Plattformen werden aber nicht nur von Bands und Solokünstlern genutzt, hier können ganze Filme, Bücher oder Produktentwicklungen unterstützt werden. Zu den bekanntesten Plattformen zählen beispielsweise „Kickstarter“, „SellaBand“ oder die deutsche Plattform „Startnext“. Neu ist das Prinzip Crowdfunding nicht. Bereits 1885 wurde der Sockel der Freiheitsstatue ähnlich finanziert: Um für das großzügige französische Gastgeschenk das Podest zu finanzieren, wurden dafür Steine von Bürgern gekauft. Der Begriff Crowdfunding hingegen wurde erst 2006 von Michael Sullivan geprägt.

Malte Graubner ist Artist & Product-Manager bei SellaBand. Er beschreibt diese Finanzierungsform so: „Crowdfunding lässt sich über drei grundlegende Begriffe erklären: Crowd, Internet, Projektfinanzierung. Crowdfunding finanziert Projekte über die Infrastruktur des Internets durch eine unbestimmte Personenmenge. Das ist jetzt eine recht theoretische Erklärung. Ich selber sage gerne: Mit Crowdfunding kann ich meinen Break-Even vor Produktion des ersten Stückes meines Produktes sicherstellen. Crowdfunding ist also eine Umkehr des bisher gelernten Wirschaftsverhaltens, Produkte durch einen Gatekeeper vorzufinanzieren. Stattdessen gehe ich direkt an denjenigen, der das Produkt eh finanziert: den Kunden. Ich stelle dem Kunden die Idee meines Produktes vor und bitte ihn darum, dieses mit mir gemeinsam zu erschaffen.“

42 – Die Antwort auf die Finanzierungsfrage

Vor dem Start eines Projektes wird das Budget festgelegt. An dieser Stelle muss der Künstler kalkulieren und dabei nicht nur die Herstellungskosten im Auge behalten (Producer, Studio, Mixer, Mastering, Artwork, Herstellung/Produktion), sondern realistisch einschätzen, welche Summe sich tatsächlich erzielen lässt. Bei SellaBand  beispielweise gilt das „All Or Nothing“-Prinzip. Bedeutet, die Finanzierungssumme wird nur ausgezahlt, wenn das Finanzierungsziel vollständig erfüllt wurde. Ein Grund, warum es wichtig ist, von Beginn an die Finanzierungssumme richtig festzulegen. Und genau hier werden häufig Fehler beim ersten Projekt gemacht.  Malte erklärt: „Im Musikbereich gibt es oft Newcomer, die sich selber etwas überschätzen. Da wird das Fundingziel zu hoch angesetzt. Man braucht natürlich schon eine gewisse Anzahl an bestehenden Fans, um ein Projekt zu finanzieren. Meine Faustformel lautet: Etwa 5% deiner bestehenden Fancommunity werden dir für ein Crowdfunding-Projekt Geld geben. Multipliziere diese Zahl dann mit 42 und du weißt ungefähr, wie hoch du dein Funding-Ziel ansetzen kannst. Das ist jetzt aber wirklich nur für den Musikbereich. In allen anderen Bereichen kann das komplett anders sein.“ Laut Malte gibt der „Ersttäter“ bei SellaBand im Schnitt 40,00 EUR aus. Natürlich kann jeder selber bestimmen, wie viel er finanzieren lassen möchte. So könnte beispielsweise auch ein Newcomer 20.000 EUR einsammeln. Als Richtwerte für Bands eignen sich aber zwei unterschiedliche Fundraisingsummen. Diese sind abhängig vom Künstlerstatus:

a) Newcomer: Mögliche Summen 3.000,00 bis 10.000,00 Euro
b) Midlevel-/AAA-Künstler mit einer möglichen Summe ab 10.000,00 Euro.

„Das ist eine rein subjektive Einteilung, die ich in einem Seminar von Tim Renner an der Popakademie kennengelernt habe. Ein Newcomer verkauft bis 5.000 Alben und hat bis zu 100 Besucher pro Konzert. Ein Midlevelkünstler verkauft bis zu 50.000 Alben und hat bis zu 1000 Besucher pro Konzert. Ein AAA-Künstler (also ein Superstar) verkauft über 50.000 Alben und hat über 1000 Besucher pro Konzert,“ ergänzt Malte.

Und, noch ein Skype-Konzert obendrauf?

Nachdem die Summe festgelegt ist, bietet der Künstler unterschiedliche Angebote (Incentives) zum Kauf, um die Projektsumme zu finanzieren.  Beispielsweise beginnt es mit dem Album-Download, geht über die handsignierte CD oder eine exklusive Nennung im Album-Booklet bis zum exklusiven Skype- oder Wohnzimmerkonzert. Das Angebot bestimmt der Künstler selbst und je ausgefallener und exklusiver es ist, desto mehr Aufmerksamkeit schafft es. Entscheidet sich der Fan für ein bestimmtes Angebot, investiert er die entsprechende Summe und wird beispielsweise auf der Plattform SellaBand zum „Believer“. Aus der Praxis empfiehlt Malte „Generell sollten die Incentives einen additiven Wert haben. Wenn ich Produkte anbiete, die der Fan eh schon im Plattenladen kaufen kann, macht das wenig Sinn. Sinnvoll ist hier eine generelle Personalisierung, d.h. eine handsignierte CD mit Widmung. Des Weiteren sind „Memorabilia“ immer gut: gebrauchte Setlisten, signierte Drumsticks, ausgediente Teile der Bühnendeko usw. Aber auch selbstgemachte Dinge kommen gut an: handgeschriebene Texte, eine Postkarte von der Tour oder solche Dinge. Das gute alte Wohnzimmerkonzert ist auch eine immer gern gesehene Sache.“

Das Projekt ist erstellt – wie geht es jetzt weiter?

Mich interessierte natürlich wie es nach der Projekterstellung weitergeht und welchen Stellenwert soziale Medien bei der Ankündigung und Begleitung eines Crowdfundig-Projektes haben. Maltes Einschätzung zu dieser Frage lautet wie folgt: „Nachdem das Projekt erstellt ist, muss es natürlich finanziert werden. Das geschieht aber nicht von alleine. Hier muss der Künstler ein gewisses Maß an Promotion und Werbung betreiben. Eine generelle Faustformel für den Erfolg gibt es kaum. Ich kann nur sagen, dass ich relativ schnell anhand des Engagements eines Künstlers erkennen kann, ob ein Projekt erfolgreich ist. Das Wichtigste im Crowdfunding ist, dass der Künstler zu 100% hinter dem Projekt und dem Mechanismus des Crowdfunding steht. Crowdfunding heißt auch, die Fans sehr nahe an sich ran zu lassen. Schließlich realisieren sie mit einem zusammen das Projekt. Bisher ist es sehr schwer, die „analoge“ Welt ins Crowdfunding mit reinzuziehen. Damit meine ich jetzt z.B. Leute bei einem Konzert dazu zu motivieren, später ins Internet zu gehen, das Projekt zu suchen und einzuzahlen. Daher kommt den Social-Media-Kanälen einer Band hier eine sehr große Bedeutung zu. Man muss seine Fans nicht nur aktivieren, sonder auch involvieren. Sie fragen, was sie darüber denken, ob sie Tipps haben usw. Man darf aber auch nicht „That-Guy“ werden und jede Stunde etwas über seine Crowdfunding-Aktion posten. Wichtig ist, sich vor Beginn des Projektes schon einen Kommunikationsplan zurechtzulegen. Ein Projekt beginnt meist im innersten Zirkel: Freunde & Familie. Sobald die etwas gegeben haben, sollte man seine Fans um Unterstützung bitten. Und dann kommt der schwierigste Teil: das Death Valley. Sobald alle, die schnell bereit sind etwas zu geben, auch etwas gegeben haben, wird es wirklich knifflig. Denn dann muss ich fremde Leute überzeugen, mir zu helfen. Daher ist es wichtig, im Vorhinein auf alles vorbereitet zu sein, um auch selbst in schwierigen Phasen nicht die Motivation zu verlieren. Nur wer zu 100% dahinter steht, Selbstvermarktungsbewusstsein hat und Durchhaltevermögen mitbringt, wird Erfolg haben und sein Projekt mit ausreichender Finanzierung umsetzen können.“

Vielen Dank an Malte Graubner für das Interview. Wenn der ein oder andere jetzt inspiriert sein sollte und über ein Crowdfundig-Projekt nachdenkt: Es gibt viele Anbieter und es empfiehlt sich natürlich im Vorfeld genauer hinzuschauen, welche Spielregeln bei den einzelnen gelten. Allen Bands, die jetzt inspiriert sind und anfangen, ihre Projekte zu planen: Viel Erfolg.

 

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